Historie • 04.12.2009

Der Eskimo unter den Indianern

Kamans "Synchropter", eine ausgefallene Konstruktion mit Doppelrotor und bemerkenswerter Einsatzvielfalt
HH-43 B der USAF Air Rescue Services
Es ist der 15. Dezember 1960; im Luftraum über Washington im Nordwesten der USA trainieren B-52 Stratofortress Bomber Luftbetankung. Als sich der große Bomber dem KC-135 Tankflugzeug nähert, passiert es: Die rechte Tragfläche des Bombers kollidiert mit dem Betankungsausleger. Der Ausleger wird abgerissen, die Tragfläche schwer beschädigt. Die Flugsicherung reagiert sofort und führt die flügellahme B-52 zur Larson Air Force Base. Dort hat der Air Rescue Service der Air Force den Kaman H-43B Huskie stationiert, der speziell für diese Art Notfälle entwickelt wurde. Capt. Howard J. Cochran und First Lieutenant Donald R. Couture haben Dienst, als die Meldung von der B-52 eingeht, die auf der Larson AFB landen soll. Sofort starten sie ihren Huskie und nehmen das Fire Suppression Kit (FSK) auf. An der Runway beobachten sie gespannt die Landung des verletzten Riesen. Plötzlich bricht der rechte Flügel ab und der Treibstoff beginnt zu brennen. Der Bomber schliddert über die Bahn und als er schließlich zum Stillstand kommt, beginnen die Treibstoffzellen eine nach der anderen zu explodieren. Insgesamt 60 t Treibstoff können in einem Feuerball aufgehen. Löschen ist unmöglich. Cochran wirft das FSK ab und fliegt zur Nase der B-52, wo er den Downwash seines Helikopters einsetzt, um einen Weg zum Cockpit freizumachen, damit die Crew sich aus dem Flugzeug retten kann. Die Explosionen sind so heftig, dass sie den Helikopter durch die Luft pusten wie eine Feder. Nach zwanzig Minuten haben alle Crew-Mitglieder das brennende Flugzeug verlassen.

Kaman

Charles A. Kaman hatte sich schon 1942 mit Anton Flettners Flug- und Hubschraubern und deren Rotorsystem mit den zwei ineinanderkämmenden, gegenläufig drehenden Rotoren befasst. Er erweiterte dies System, das nicht Flettner, sondern (bereits 1902) ein gewisser Max Bourcart zum Patent angemeldet hatte, um ein entscheidendes eigenes Element: die so genannten Servo-Ruder, kleine Steuerflächen an den Rotorblättern, die zum Markenzeichen auch späterer Kaman Helikopter wurden. Diese Flaps verminderten nicht nur die Vibrationen, sondern verringerten auch den Kraftaufwand für Steuereingaben erheblich.
Trainer HTK-1 im Jahr 1953
K-125 Synchropter

Kaman bezeichnet seine Helikopter mit dieser Rotor-Anordnung als "Synchropter". Er erprobt es erstmals am K-125. 1947 fliegt dieser mit einem 125 PS starken Lycoming O-390-3 Motor erstmalig und zeigt nicht nur die Verwendbarkeit des Systems, sondern auch durchaus gute Flugeigenschaften. Im April 1949 erhält der K-190 seine Zulassung, ist jedoch kein wirtschaftlicher Erfolg. Der stellt sich in gewissem Umfang 1954 der erste Twin-Turbinen Helikopter. Außer als Trainer wird der HTK-1 auch für Rettungsaufgaben verwendet. Neben Pilot und Co-Pilot kann er zwei Passagiere oder zwei Tragen transportieren. Diese werden durch die Kanzel in den Helikopter geschoben. Allerdings müssen erst mit dem K-225 ein, der 1949 seinen Erstflug hat und von dem elf gebaut werden. Der K-225 wird von einem 225 PS Textron Lycoming O-435-A2 Motor angetrieben. Kaman baut in seinen K-225 eine Boeing T50 (Model 502) Wellenturbine ein und kann damit nicht nur eine enorme Leistungssteigerung erzielen, sondern fliegt damit den ersten Helikopter mit Turbinenantrieb überhaupt. Erfolgreiche Tests bei der Navy führen 1950 zu dem Auftrag, einen neuen Helikopter zu entwickeln.

Vier Maschinen sollen gebaut werden: als HOK-1 (Helicopter Observation Kaman) für das Marine Corps und als HUK-1 (Helicopter Utility Kaman) für die Navy. Außerdem ergeht der Auftrag, einen Trainer zu bauen, den HTK-1. Die erste Maschine fliegt im April 1953 und die Produktion dauert bis 1958 an. Vom HTK-1 werden insgesamt 29 Maschinen gebaut, als HTK-2 ist er dazu der Sitz und die Steuerorgane des Co-Piloten entfernt werden. Die Erfolge in dieser Konfiguration führen 1956 zu einem weiteren Auftrag an Kaman.
Während der HH-43 B Huskie eine Bresche bläst, versuchen Feuerwehrmänner einen Brand zu löschen
Der Huskie

Die Air Force beauftragt Kaman, einen Helikopter speziell für die Rettung und Brandbekämpfung bei Flugunfällen zu entwickeln. Eine Studie hatte ergeben, dass 96,6 % aller Flugunfälle innerhalb eines Radius von 61 Meilen um eine Basis passieren, 72% innerhalb von zehn Meilen; 46% dieser Unfälle resultieren in einem Feuer. Es galt also, eine schnelle, verlässliche Methode zu entwickeln, bei genau diesen Unfällen schnelle Hilfe zu leisten und die Crews zu retten. Ein Huskie, der im Alarm-Status mit laufendem Triebwerk auf dem Vorfeld steht, konnte in gut einer Minute in der Luft sein, ein brennendes Flugzeug vor den Löschfahrzeugen erreichen, wenn nicht gar als einziger in der Lage sein, zum Unfallort zu gelangen. Auslieferungen des H-43A Huskie beginnen 1958, und zunächst ist der Huskie noch mit einem Kolbenmotor ausgerüstet. Achtzehn Maschinen aus der A-Baureihe werden bis 1959 ausgeliefert. Zu dieser Zeit stellt Kaman die Produktion gänzlich auf Turbinen-Helikopter um. Der Huskie heißt von nun an H-43B (nach 1962 HH-43B), wird angetrieben von der Lycoming T53-L-1B Turbine (860 WPS) und bis 1968 gebaut. Das Upgrade zur T53-L-11A-Turbine (1000 WPS) führt 1964 zur Umbenennung zur HH-43F.

Der Huskie bietet normalerweise Platz für acht Personen, kann aber bis zu zwölf unterbringen. Alternativ können vier Tragen durch die großen, weit aufschwingenden Hecktüren geladen werden. Pilot und Co-Pilot sitzen nebeneinander in einem recht geräumigen Cockpit.

DiePlatzierung der Instrumente in einem Center-Panel erlaubt eine hervorragende Sicht. Die Form der Kabine und die Positionierung der Turbine oberhalb der Kabine ermöglichen eine optimale Ausnutzung des Raumangebots. Außerdem erleichtert es den Zugang zum Triebwerk für Wartungsarbeiten.

Ein Heckrotor ist überflüssig, aber zur Verbesserung der Stabilität um die Hochachse sind insgesamt vier Heckleitwerke angebracht, von denen die beiden inneren Steuerflächen auf- weisen. Das Abgasrohr der Turbine ragt bis zum Heck des Helikopters, wo der Abgasstrahl nach schräg unten gelenkt wird. Der Huskie ist als Arbeitspferd konzipiert und strahlt dies auch deutlich aus. Elegant ist anders!

Hersteller:
Kaman Corporation
Bloomfield, Connecticut
Vereinigte Staaten

Spezifikation           (H-43B)
Rotordurchmesser    14,35m
Breite (inkl.Rotor)    15,68m
Rumpflänge              7,70m
Höhe                        3,85m
Blattspitzenabstand
zum Boden               1,85m

Turbine  Lycoming T-53-L-1B
                          (860 WPS)
Vmax                   193 km/h
Vreise                  170 km/h
Leergewicht            2027 Kg
Nutzlast                  1760 Kg
max. Abfluggewicht  4150 kg
Reichweite               378 Km
Dienstgipfelhöhe      7629 m

Preis               304.000 US $




Der Huskie im Air Rescue Service


Zwar fliegt der Huskie in seiner aktiven Zeit auch Rettungseinsätze im Vietnamkrieg, wofür er mit einer Winde ausgestattet werden kann, ist aber überwiegend in den USA stationiert, wo er für den Air Rescue Service (ARS) fliegt. Local Base Rescue seine Aufgabe, seine große Stärke die Brandbekämpfung. Hier kann er seine Eigenschaften – hohe Stabilität und unkompliziertes Flugverhalten – voll ausspielen.

Bei der Brandbekämpfung nutzt der Huskie vor allem seinen Downwash und das sogenannte Fire Suppression Kit (FSK). Der kugelförmige Container fasst rund 83 Gallonen (ca. 377 l)

Wasser und Schaum. Tritt diese Mixtur durch die Düse aus, vergrößerte sich ihr Volumen auf 690 Gallonen (über 3.000 l). Allerdings hat das FSK den Nachteil, dass der Helikopter es zunächst aufnehmen muss, was Zeit kostet. An kalten Tagen muss es beheizt werden, damit der Inhalt nicht gefriert. Außerdem ist das Verfahren nur effektiv, wenn der Helikopter bereits „on alert“ ist. Bei einem Neustart der Turbinen sind Löschfahrzeuge durchaus im Vorteil.


Spezialist bei Bränden


Die Rotoren des Huskie (und anderer ineinanderkämmender Systeme) erzeugen bei bestimmten Blattstellungen einen relativ langsamen, nach vorwärts ge- richteten Strom großer Luftmengen, den die Piloten nutzen, um Korridore im Feuer zu öffnen. Durch diese konnten dann die Feuerwehrmänner näher an den tatsächlichen Brandherd gelangen, oder ggf. Flugzeugbesatzungen ihre brennenden Maschinen verlassen. Es sind diese Einsätze, die immer wieder für spektakuläre Nachrichten sorgt und zur großen Popularität des Huskie beiträgt.


Der H-43 Huskie ist ein schnörkelloser, dabei aber eminent praktischer und effektiver Helikopter. Entwickelt für eine eng umrissene Aufgabe hat er diese mit Bravour erfüllt. Eines der wenigen noch existierenden Exemplare kann heute im Hubschraubermuseum Bückeburg besichtigt werden.


Kim Braun

P.S. Wieso heißt der Huskie eigentlich Huskie, mag man sich fragen, wo doch die Helikopter der amerikanischen Streitkräfte zumeist nach Indianerstämmen benannt werden? Huskie kommt aus der Sprache der Inuit (Eskimos) und bezeichnet heute noch deren Schlittenhunde.

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