PIASECKI H-21 - Von fliegenden Bananen und Bimskühen
Am 28. Mai 1957 meldete die dpa: „Erster Hubschrauber aus deutscher Fertigung startbereit. Bei der Weser Flug GmbH in Einswarden/Unterweser wurde jetzt der erste Hubschrauber vom Typ H 21 von der Montageabteilung startklar gemeldet. Die Einzelteile des Hubschraubers kamen von den USA über den Ozean nach Einswarden. In 500 Stunden wurde er von 10 Monteuren zusammengebaut.“
Als die Bundeswehr mit dieser
Maschine ihre erste „fliegende Banane“ erhielt, bekam die damit eines der
damals wohl interessantesten Muster auf dem Markt. Wie hatte die Geschichte der
H-21 begonnen?
Die ersten Tandems der Lüfte:
Zwar hatte sich Igor Sikorskys Konfiguration mit einem Haupt- und einem
Heckrotor als machbar erwiesen und sollte bei der überwiegenden Zahl aller Helikopter zur Anwendung kommen,
aber in den vierziger Jahren war Frank Piasecki von der Auslegung nicht
überzeugt. Der Heckrotor erschien ihm zu gefährlich und zu ineffizient. Er
entschied sich für eine Tandemanordnung der Rotoren. Dies wurde zum
Markenzeichen seiner Maschinen, auch als diese unter den Namen Vertol und
später Boeing-Vertol entwickelt
wurden. 1944 lieferte er die HRP-1 an die US Navy und das US Marine Corps aus.
Der Helikopter konnte acht Soldaten befördern und hatte eine Reichweite von 427
km. Auf die Anforderung der Navy für einen bordgestützten SAR-Helikopter, der
auch für das so genannte Vertical Replenishment (Vertrep, Versorgung mittels
Helikopter) genutzt werden sollte, reagierte er 1949 mit der HUP-1, die neben
den zwei Mann Besatzung vier Passagiere aufnehmen konnte und eine Reichweite
von 440 km hatte. Mit der Ergänzung von All-Wetter-Tauglichkeit und Jagd-Fähigkeiten
wurde daraus die HUP-2. Fünfzig Maschinen dieses Typs wurden als H-25 Mule auch
von der US Army eingesetzt. Die HRP-1 wurde von Piasecki stetig weiter
entwickelt und als PD-22 wurde sie zur Basis für die H-21, die 1952 ihren
Erstflug hatte. Im Oktober des folgenden Jahres begannen die Auslieferungen der
H-21A Shawnee an die US Army. Auf die A-Serie folgten 136 H-21B Luftlande- und
Transporthubschrauber. Aus Piasecki wurde Vertol und aus H-21A und B das Model
42. Die Weiterentwicklung hieß Model 43 oder H-21C und wurde ein echter
Verkaufserfolg.
Über 330 Maschinen wurden ab 1956 gebaut und bei der USAF, den
kanadischen, japanischen und französischen Marinefliegern sowie beim
französischen Heer geflogen. Auch die Bundeswehr entschied sich für den Kauf
von 31 H-21C sowie einer Model 44, einer weiteren Version der „fliegenden
Banane“. Die Weser Flug GmbH erhielt den Auftrag zur Endmontage der vom
Hersteller gelieferten Bauteile. Die Helikopter erhielten die Seriennummern WG
1 bis WG 32, wobei WG für West Germany stand. Von den bestellten Maschinen waren 26 für die junge
Heeresfliegertruppe vorgesehen; die Auslieferungen an die neu aufgestellte
Heeresfliegertransportstaffel 822 in Fritzlar begannen im Herbst 1957. Die
letzte H-21 wurde im August 1960 ausgeliefert.
Alle Maschinen der
Heeresflieger durchliefen eine wechselhafte Geschichte bedingt durch
Neuaufstellungen oder Verlegung von Staffeln, Typenbereinigungen sowie durch
Strukturwandel. Insgesamt waren bis zum Ende der Ära der H-21 beim Heer zwölf
Einheiten mit diesem Typ ausgerüstet: Lehr- und Versuchsgruppen, Transport
(lehr)staffeln, ein Bataillon und abschließend das mittlere
Heeresfliegertransportregiment 35 in Mendig, in dem auch die Maschinen der
Luftwaffe ihr Dienstende erlebten.
Bereits ein halbes
Jahr vor den Heeresfliegern hatte die Luftwaffe im Mai 1957 fünf H-21C erhalten.
Vier der Maschinen wurden zunächst zur Ausbildung der Piloten, die fünfte zur
Schulung des technischen Personals verwendet. 1958 ging eine der Maschinen bei
einem Unfall verloren, die anderen vier wurden ab Ende 1960 an die 1.
Luftrettungs- und Verbindungsstaffel in Fürstenfeldbruck abgegeben. Am 1.
November 1962 wurde in Niedermendig das Heeresfliegerbataillon 300 aufgestellt,
dem neben einer Beobachtungs- und Verbindungsstaffel auch zwei
Transportstaffeln angehören sollten. Dazu wurden sämtliche H-21C der Bundeswehr
hier zusammengezogen, auch die vier Maschinen der Luftwaffe gingen an das Heer
über.
Es entsteht zwar
der Eindruck, als sei die fliegerische Hauptaufgabe der Banane der eigene Umzug
von Einheit zu Einheit gewesen, aber der Helikopter leistete wertvolle Dienste
nicht zuletzt auch bei der großen Sturmflut in Hamburg 1962. Aber vor allem
dort zeichnete sich auch der stärkste Konkurrent der Shawnee in besonderem Maße
aus: die Sikorsky H-34G, die letztlich auch der Helikopter der Wahl bei der Bundeswehr wurde.
Während ihrer
fünfzehn Dienstjahre bei der Bundeswehr (Mai 1957 bis Dezember 1972) flog die
H-21C mehrere zehntausend Flugstunden. Sie konnte sich aber letztlich nicht
gegen die H-34G durchsetzen, denn die Tandemanordnung der Rotoren bot zwar
Vorteile bei der Effektivität in der Verwertung der Triebwerksleistung und in
der Ausbalancierung des Helikopters, aber die insgesamt drei Getriebe (vorne,
mittig, hinten) waren gleichzeitig ein Mehr an wartungsintensiver Technik. Der
Laderaum der H-21 hatte ein größeres Volumen als in der H-34G, war aber schwer
zugänglich. Die Türen waren klein und zumindest die vordere auf einer Höhe von
ca. 1,5 m schwer zugänglich. Über dieser Tür befand sich auch die Winde.
Unterhalb des Rumpfes befand sich ein Lasthaken für Außenlasten. Von einer
technischen Weiterentwicklung wurde beim Hersteller abgesehen, da mittlerweile
bessere und vor allem leistungsstärkere Helikopter mit Turbinenantrieb auf dem
Markt waren, nicht zuletzt das eigene Model 107, das 1968 – vor vierzig Jahren
– seinen Erstflug hatte und als H-46 noch heute in verschiedenen
Truppengattungen und Nationen fliegt.
Die letzte
Boeing-Vertol der Bundeswehr war eine Model 44 (V-44B), eine Art zivile VIP
Version. Größere Fenster, eine passagierfreundliche Tür mit integrierter Treppe
sowie bequeme Sitze waren die äußeren Merkmale dieses Typs. Außerdem waren
Schwimmer angebracht und die Rumpfunterseite abgedichtet, um Wasserstarts und -landungen
zu erlauben. Die H-44B wurde von 1962–1967 bei der Flugbereitschaft eingesetzt.
Sicherlich eine geeignete Verwendung, denn die Maschine hatte zuvor in Diensten
der Sabena gestanden, die sie auf dem Petersplatz direkt vor dem Petersdom gelandet
hatte, eine absolute Weltpremiere. Bei einer weiteren Landung im Vatikan war
sie Papst Johannes XXIII vorgeführt worden, der es sich nicht hatte nehmen
lassen, den Helikopter zu segnen. Beste Voraussetzung für den Transport
hochrangiger Politiker.
Erfahrungen eines
Piloten: Hauptmann a.D. Peter Müller hat als junger Pilot bei den
Heeresfliegern die H-21 geflogen. Die Umschulung auf diesen Typ erfolgte 1960
unmittelbar nach Abschluss seiner Grundschulung auf Bell-47. Ein gewaltiger
Sprung, allein von der Größenordnung her. 100 Flugstunden auf diesem Typ hatte
er in seinem Logbuch stehen, als er nach Versetzung in Fürstenfeldruck sein
Rating abschloss.
Peter Müller
berichtet: "896,55 Stunden hab ich auf der Maschine geschrubbt. Die
Einsätze auf der "Banane" waren hubschraubertypisch. Personen und
Materialtransport, letzterer sowohl mit Innen- und Aussenlasten. Sehr viel
wurde in den Alpen geflogen Hüttenversorgung, Wildfütterung, Abtransport von
Verletzten, Suche nach Vermissten). Auch VIP's bedienten sich ihrer recht gern.
Ebenso wurde viel mit der Winde gearbeitet. Die H-21 war ein sehr sicherer
Hubschrauber und hat uns eigentlich nie enttäuscht. Das Handling entsprach im
Streckenflug dem eines Flächenflugzeuges, das Cockpit war sehr geräumig mit
hervorragender Rundumsicht, die Sitze enorm bequem und federnd aufgehängt. Der
Lärmpegel war allerdings sehr hoch, sodass sich sehr bald bei den laufenden
flugmedizinischen Untersuchungen im Audiogramm der Besatzungen Veränderungen
einstellten. Die Autorotation war absolut problemlos, der Flare musste jedoch
wegen der Länge des Rumpfes wohldosiert erfolgen, um einen Bodenkontakt mit dem
Heck und dem hinteren Rotor zu vermeiden. Jeder Flug war ein besonderes
Erlebnis mit der H-21. Wir haben die "Banane" heiß geliebt und mit
tränenden Augen eines Tages von ihr Abschied nehmen müssen". Und wieso
eigentlich Bimskuh? Zwar ist die H-21 weltweit als „fliegende Banane“ bekannt,
aber bei der Bundeswehr erhielt sie noch den zusätzlichen Namen „Bimskuh“. Die
Mehrzahl der H-21 der Bundeswehr war zu irgendeinem Zeitpunkt in Mendig in der
Eifel stationiert. Dort gibt es ein großes Vorkommen an Bimsgestein, was zu dem
Namen führte.
Technische Daten: PIASECKI H-21
Rumpflänge: 16 m
Höhe: 4,87 m
Rotordurchmesser: 13,41 m
Triebwerk: Curtiss Wright R 1820-103 Sternmotor
Leitung: 1.063 KW (1.445 WPS) Startleistung
Zuladung: 2.190 kg
Max. Startgewicht: 6.885 kg
Reisegeschwindigkeit: 157 km/h (auf NN)
Höchstgeschwindigkeit: 209 km/h (auf NN)
Reichweite: ca. 600 km (bei ca. 6.000 kg Flugmasse)